Sonntag, Mai 21, 2006

Dan Brown sei dank?! - "Der Da Vince Code" ist in den Kinos angelaufen.

Nun ist es also soweit. Mit einem riesigen Werbeaufgebot und viel Geheimniskrämerei kam diese Woche nach der Weltpremiere in Cannes die Verfilmung des Da Vince Code in die deutschen Kinos. Im Katholischen Sonntagsblatt vom 14. Mai 2006 (S. 2) wird berichtet, dass die Kardinäle Poggi und Arinze zum Boykott aufgerufen hätten, weil das Buch das Falsche erzähle. Außerdem sei Brown's Werk beleidgend, verleumderisch und fehlerhaft, so der Sekretärt der Glaubenskongregation Angelo Amato. Aber berichtet wird da ja nichts Neues, wie Christoph Ahrens in seinem Artikel "Viel Erfindung, wenig Fakten", schreibt (ebd. 30). Man wittere, "dass die mit wenig historischer Sorgfalt gegründete Kirchenkritik Browns... bei theologisch und historisch wenig gebildeten Lesen auf fruchtbaren Boden fallen könnte." (Joachim Valentin, in Herderkorrespondenz, Nov.2005, 564).

Also ist das Buch und der Film die ganze Aufregung wert? Fällt die Kirche nicht auf ihre eigenen Befürchtungen herein? So schreibt zum Beispiel Verena Lueken in ihrem Artikel "Fürchtet euch nicht" (FAZ-Online vom 22.05. 2006) über die Premiere in Cannes: "Wenn die Vorabempörten das Gelächter hätten ahnen können, das den Kinosaal erfüllte, als gegen Filmende der entscheidende Satz fiel - 'du bist die letzte Nachfahrin Christi' - hätten sie geschwiegen."

Wie auch immer, ich denke wir müssten Dan Brown eigentlich dankbar sein. Dazu ein paar Gedanken.

Vorab eine persönliche Bemerkung. Ich mag die Bücher von Dan Brown. Ich habe alle vier gelesen und fand sie sehr unterhaltsam und spannend, wenn sie auch alle nach dem gleichen Strickmuster geschrieben sind, was die Charakterkonstellationen, Cliffhanger in der Handlung, überraschende Wendungen etc., betrifft. So stellt sich am Ende immer heraus, dass der Gute eigentlich böse, und der Böse eigentlich gut ist - "fair is foul and foul is fair". Das kennen wir schon seit Shakespeare. Eigentlich nichts neues. Aber was ist an Dan Brown so faszinierend? Dazu vier Bemerkungen.

Erstens: Literatur hat schon immer auf bestimmte Strömungen in der Gesellschaft reagiert und kann somit auch als Spiegelbild gesellschaftlicher Wandlungen und den damit verbunden Ängsten und Unsicherheiten angesehen werden. Das gilt etwas für den Beginn des Schauerromans in England zur Zeit der Romantik - etwa The Castle of Otranto von Horace Walpole oder The Monk von Mathew Lewis - als antiklerikale und antipapistische Auffassungen weit verbreitet waren, bis hin zu Tolkiens Universum von Mittelerde als Gegenwelt (Lord of the Rings) zur technologisch-positivistischen Weltanschaung und Wissenschaftsgläubigkeit der Neuzeit, wie sie etwa H.G. Wells vertritt. Dan Brown ist da eben auch ein Kind seiner Zeit, der sich an ein bildungshungriges Publikum wendet. Er bedient sich nachprüfbarer historischer, architektonischer und kunsthistorischer Fakten und konstruiert daraus eine gut gemachte Story, eine Fiktion eben, in der es immer um das Geheimnisvolle, das "mysterion" und seine Entschlüssung geht. "Das Verschwinden des Mysterium aus der modernen Medienwelt, die jedes gewünschte Bild zu jeder Zeit an jedem Ort zu reproduzieren in der Lage zu sein verspricht und damit die weit zurückreichenden Erosion des Geheimnisses vollendet, scheint eine ganz eigentümliche neue Sehnsucht nach entmystifizierten Geheimnissen hervorzubringen", schreibt Joachim Valentin in seinem Artikel in der Herdekorrespondenz " (Joachim Valentin, ebd. 655). In einer Welt, die zumnehmend entmythologisiert und entschlüsselt wird, finden Menschen Gefallen an solchen Verschwörungstheorien.

So ist es in Digital Fortress ein Super-Code, der alle Codes knacken kann, in Deception Point angesichts geheimnisvollen Meteor um die Macht in Amerika, in Illuminati um den Machtkampf zwischen Theologie und Naturwissenschaften - neu aufgelegt in den Auseinandersetzungen über das sogenannte Intelligent Design- , und im Da Vince Code um die Suche nach dem Heiligen Gral, der hier als "weibliches Gefäß" für die Blutlinie Jesu auftaucht, also schlicht um ein anderes, alternatives Christentum und um die Frage: Wer war Jesus Christus wirklich?

Durch Dan Browns Romane wird das Interesse der Leser an Geschichte und an der Vergangenheit wieder geweckt. In diesem Sinne sind seine Romane durchaus Bildungsromane, die sich mit aktuellen Themenfelder wie Naturwissenschaft und Religion, Kunst- und Kirchengeschichte, Symbologie, Philologie usw. beschäftigen (vgl. Valentin, edb. 566) und eine Bedürfnis nach Wissen und Bildung befriedigen. Da steht er in der Tradition von Umberto Ecco (vgl. Der Name der Rose; Das Foucaultsche Pendel). Jedenfalls erfreuten sich viele der im Roman erwähnten Stätten regen Zulaufs von Besuchern [siehe Michael Mönninger: Wo geht's hier zum Gral?]. Auch das Interesse an Kunstgeschichte hat deutlich zugenommen, wie Frank Zöller in Die Zeit schreibt [Der große Bilderverdreher], was sich übrigens auch im Film wiederspiegelt. Hier verbeugt sich die Kamera gerade ehrfürchtig vor diesen großartigen Kunstwerken. Inwiefern der Leser gebildet genug ist um zu durchschauen, dass es trotz aller Spannung um Fiktion handelt, hängt natürlich davon ab, wie informiert der Leser letztlich ist. Da vielleicht verläuft ja da genau die Grenze hin zur Gotteslästerung, indem man Fiktion mit Realität verwechselt, was Dan Bronw ja durchaus beabsichtigen mag, wenn er im Vorwort betont, dass bestimmte Aspekte des Roman auf Tatsachen beruhten. Das ist jedoch nur zum teil richtig. Diese die realitäskritische Reflexion komme, so Valentin im Roman so gut wie nicht vor und sei deshalb zu kritisieren.

Zweitens: Die Katholische Kirche und ihr Machapparat hat schon immer Anlass zu vielerei Spekulationen und Theorien über Verschwörung, Unterdrückung der Wahrheit, Verfolgung von anders Denkenden etc. gegeben (s.o.) . Thematisiert Illuminati die Streitfrage zwischen Glaube und Naturwissenschaft, so lautet im Da Vince Code die zentrale Frage: Wer war Jesus? Vielleicht hat man in Rom im Vorfeld des Films genau deswegen so hysterisch reagiert, weil Dan Brown mit seinem Da Vinci Code das Terrain besetzt und esoterisch verfälscht, das eigentlich die ureigenste Sache der Kirche ist. Aber Geheimnisse sind interessanter als kalte Fakten. Insofern sollten wir ihm dankbar sein, dass durch sein Buch das Interesse an Religion gewachsen zu sein scheint und Menschen wieder fragen, was mit diesem Menschen Jesus von Nazareth auf sich hat, wie die historischen Anfänge des Christentums waren und wie es um die Dimension des göttlich Weiblichen steht, eine Frage, die ja die feministische Theologie stark beschäftigt hat. (Erinnert sei hier das Buch von Elizabeth A. Johnson "Ich bin die ich bin" - Düsseldorf 1994 - , in dem sie die Spuren der Sophia-Tradition verfolgt, etwa in ihrem Kapitel Jesus-Sophia, in dem sie Jesus mit der Sophia-Tradition der atl. Weisheit in Verbindung bringt. Und die weiblicher Hauptfigur im Roman heisst ja Sophie Neveu). Dieses Interesse gestehen Marie-France Etchegoin und Frédérik Lenoir in ihrem Buch "Das Geheimnis des Da-Vinci-Code" (München 2005) dem Da Vinci Code durchaus zu. "Man bekomme Lust, das Phänomen der Religion die Welt der Symbole näher kennen zu lernen. Der Roman bedient ein Bedürfnis nach Geheimnsivollem" (8) .

Drittens: Zum Film. Den kann man natürlich filmtechnisch kritisieren, was ja weitgehend auch geschehen ist (s.o). Ich fand ihn spannend, kein Reisser, gute Unterhaltung eben. Interessant ist, dass der Film in wesentlichen Passagen die in der Romanvorlage enthaltene Kirchenkritik deutlich entschärft. Robert Langdon z.B. versucht die von seinem Gegenspieler Sir Teabing geäußerte Kritik an Konstantin und dem Konzil von Nizäa, welches dieses alternative Christentum unterdrückt habe, immer wieder zu relativieren.

Viertens: Wenn es auch eine fiktive Geschichte geht, die Dan Brown um die historischen Fakten und Legenden, z.B aus apokryphen Evanglien, zusammenschreibt, oder wenn er an die kulturhistorische alte Vorstellung des hieros gamos, der heiligen Hochzeit, anknüpft, die im Film nur sehr kurz und in einer Rückblende auftaucht, so muss man doch kritische Fragen an sein Weltbild, das er hier transportiert, stellen.
In der Geschichte des Christentums hat es immer Anfechtungen des Glaubens durch dualistische Vorstellungen von Gut und Böse gegeben. Und nach dem 11. September folgt er vielleicht zu sehr seinem Präsidenten in dieser Hinsicht. Die Welt ist jedoch viel komplizierter als nur gut oder böse zu sein. Christlich sind diese Positionen jedoch keineswegs, wie JoachimValentin betont, denn gerade mit dem Monotheismus - und noch mehr durch die Trinität - wurde diese Vorstellung überwunden. Ebenso sei die Vorstellung einer Blutlinie Jesu doch sehr monarchistisch, die davon ausgehe, dass man ein besonderer Mensch ist, wenn man zu dieser Blutlinie gehöre. Insofern ist die Frage interessant, die Langdon Sophie Neveu am Ende stellt: "Was machst du mit deinem Erbe?", was nichts anderes heisst mag: Was ist der Sinn des Lebens? Wofür lebst du und welche Rolle spielt Jesus für dich?

Darauf gibt der Film eben keine Antwort. Aber vielleicht kann ja an dieser Stelle das Gespräch darüber beginnen, oder um es mit Joachim Valentin zu sagen: "Die von Dan Brown ...erschlossenen Problemfelder auf ihr Fragepotential abzuklopfen, die historischen Fehler und innere Inkonsistenzen offen zu legen und mit der Position von Kirche und Theologie zu konfrontieren, könnte Aufgabe einer erfolgreichen und.... zeitgenössischen Schul -und Bildungsarbeit sein." [siehe Webseite der Karl-Leisner-Jugend unter...] So kommentierte Martin Mosbach schon im Juli 2005 in Das Geheimnis von Paris: "Den Deutschen oder Engländer wird nicht aufhören zu erstaunen, daß die von Dan Brown geplante enthüllende Sensation aus der Religion stammt. War die Religion nicht eben noch, gerade bei den Massen, ein erledigtes Thema? Eines steht jeden falls fest. Die Kenntnisse der von der Religion sind auch bei Gebildeten vielfach gegen null gesunken."

Noch einmal: wir sollten Dan Brown dankbar, dass er das Interesse an Fragen der Geschichte, der Religion, des Glaubens und der Spiritualität geweckt hat. Wir müssen seine Thesen ernst, aber nicht für bare Münze nehmen (vgl. Etchegoin/Lenoir, 2005, 8). Die Antworten auf diese Fragen sollten Dan Brown nicht (allein) überlassen.

Weitere Links zum Thema: Der Da Vinci Code; Dan Brown; außerdem eine interessante Seite von Life4seekers.

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