Dienstag, März 12, 2019

Freitagsdemonstrationen: Schüler setzen sich für eine bessere Umweltpolitik ein - Update

Wer kennt sich nicht - die 16 jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg aus Schweden, die seit August 2018 jeden Freitag in Stockholm vor dem Parlament für den Klimaschutz und die Zukunft demonstriert. Sie begründete dadurch die Aktion Fridays for the Future. Sie hat weltweit mittlerweile tausende von Nachahmern gefunden.

Ihre Kampagne ist nun auch in Deutschland angekommen. Das deutsche Gesicht verkörpert nun die 22 jährige Luisa Neubauer. Beide traten auf der der Schülerdemo in Hamburg am 01.02.2019 auf, an der sich ca. 6000 Schüler und Schülerinnen beteiligten. Es gehe den Schülern nicht um die Schule zu schwänzen [Quelle: Kathrin Fromm, Hamburg, 01.02.2019, abgerufen am 12.03.2019]

Die Kampagne scheint damit auch in Deutschland bei Politikern einen Nerv getroffen zu haben. Nach Angela Merkel hat sich der Bundespräsident ebenfalls positiv über das Engagement junger Menschen geäußert. „Ihr seid wahrscheinlich angesteckt durch dieses Engagement [gemeint ist Greta Thunberg), so dass wir uns eigentlich nur herzlich bedanken können, Euch ermutigen, das weiter zu tun - innerhalb der Schule natürlich als Thema im Schulunterricht und natürlich auch außerhalb der Schulzeit“. Und  weiter. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr Euch zu diesem Thema meldet und immer darauf aufmerksam macht, dass wir was tun. Wir brauchen junge Menschen wie euch, die sich einmischen.» 
[Badisches Tagblatt vom 8. März 2019 abgerufen am 13.03.2019 um 08:00 Uhr]

Leider sehen einige Politiker anders.Weil sie den Kohleausstieg in Deutschland im Jahr 2038 für absurd hält, wurde Greta Thunberg u.a. vom CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak heftig angegriffen. „Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss ‚absurd‘ - Oh, man ... kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie“, schrieb er auf Twitter. Neben einem Affen mit zugehaltenen Augen ergänzte er „Arme Greta!“ [Quelle: "Arme Greta  " - Paul Ziemiak spottet über Klimaaktivistin Thunberg, zit. auf Welt Online, abgerufen am 12. März 2019. [Vgl. auch Matthias Wyssumwa, Die Welt, wie es ihr gefällt, FAZnet vom 12.02 2019, abgerufen am 12.03, 2019]  


Auch in Göppingen Schüler seit ein paar Wochen für einen bessere Klimaschutz.[siehe NWZ vom 04.02,2019, angerufen am 12.03.2019]. Kürzlich wurde ich von Schülerinnen meiner Englischklasse gefragt, ob sie denn für die Demo am Freitag schulfrei bekämen oder man sich dafür vom Unterricht befreien lassen könnte, was ich natürlich verneinte, da es ja eine Schulpflicht gebe. Kultusministerin Eisenmann hat das in einem Brief an die Schulen das nochmals deutlich betont.
Heute (Freitag 15. März 2019) wird es erneut zu den Freitagsdemonstrationen kommen. Diese Demonstration sind nach wie vor umstritten. Also Lösungen werden u.a vorgeschlagen die verpassten Unterrichtsstunden nach zu holen oder eben nach der Schulzeit demonstrieren. (s. Rüdiger Bässler, Klimaproteste erfassen das Land, StgZ v. 15. März 2019, 6). Allerdings darf bezweifelt werden, ob so freiwillige Demonstration zu dieser Aufmerksamkeit für die von Greta Thunberg ins Leben gerufene Aktion geführt hätte. Das zeigen ja die teils heftigen Reaktionen mancher Politiker.

Auch die Kultusministerin hat sich in die Debatte eingebracht. In der Schorndorfer Zeitung vom 27.02.2019 " war zu lesen, die Schulen sollen Klimawandel in der Schule thematisieren., im Unterricht versteht sich. "Bei allem Verständnis für das berechtigte Anliegen der Schüler kann es natürlich trotzdem nicht sein, dass der Unterricht dauerhaft freitags ausfällt", so Eisenmann. Und weiter wird die Kultusministerin zitiert, dass Pädagogen bereits pragmatische Lösungen gefunden [hätten], um mit dem Fernbleiben der Schüler umzugehen, ...Vorbildlich sei etwa die Idee eines Lehrers, seine Schüler einen Aufsatz über das Spannungsfeld von Rechten und Pflichten schreiben zu lassen." In der heutige Ausgabe der Stuttgarter Zeitung relativiert S. Eisemann ihre Äußerungen, etwas.  Jede Schulleitung entscheidet nach dem Schulgesetz, wie mit den streikenden Schülern umgegangen werden soll. Es seien auch Sanktionen möglich, betont aber erneut das Thema in die Schule zu holen [vgl R. Bässler, 2019, in: ebd S.6].
 
Was bitte heißt denn das? Was ist denn überhaupt die Aufgabe der Schule? Die Schule soll doch dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler zu reifen, mündigen und selbstbewussten, auch kritischen Menschen werden. Natürlich werden Klimaschutz, Ökologie und politisches Engagement im Unterricht thematisiert, u.a. besonders in den Fächern Englisch, Ethik und Religion, in denen es auch und gerade um die Gewissensentscheidung des Einzeln geht. Wie wollen wir Schülerinnen und Schüler ins "Leben" entlassen? Als angepasste Bürger, wie schon Arno Plack in seinem Buch Die Gesellschaft und das Böse,  Kritik der herrschenden Moral (München 1977) kritisiert? "Die herrschende Moral, das ist nicht einfach die Moral, die in einem Volk, in einer Kulturgemeinschaft verbreitet ist. “Herrschende” Moral' hat durchaus mit Herrschaft zu tun, die Moral für die Bürger, die im doppelten Sinn die “Beherrschten” zu sein haben, die stille sein wollen, an sich halten und sich kuschen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Der Mensch, der sie als Haltungen, (...) verwirklicht, das ist der lenkbare, bescheidene, unauffällige Mensch, wie ihn die Herrschenden brauchen. Er muckt nicht auf, stellt keine Ansprüche und auch nichts in Frage, wofür zu opfern man ihm bedeutet. Er ist autoritätsgläubig...."Oder um es mit Bettina Wegener zu sagen: "Grade Menschen wären ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel." 

Dennoch stimme ich auch der Aussage der Elternschaft zu, grundsätzliche läge Eisenmann mit ihrer Empfehlung richtig, so Matthias Fiola, "Schüler haben bewusst einen Regelbruch vorgenommen. Und wenn wir sie ernst nehmen, dann gehöre dazu auch die Sanktionierung." [Vgl. ebd., S.6] Auch ich plädiere dafür es den Schülern nicht zu leicht zu machen, sondern ihnen auch zu sagen, dass der Einsatz für bedeutende Fragen in Gesellschaft und Politik nicht ohne Folgen bleibt, es daher auch eine Preis oder ein Opfer gehört, wenn  Menschen gegen Gesetze verstoßen. Nicht umsonst erinnern eine Kommentare an die Anti-Atomkraft- Bewegung und der Friedensbewegung der späten 70iger und frühen 80iger Jahre.

Zitieren möchte ich an dieser Stelle Francis Fukuyama, dessen Buch "Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet, welches gerade auf deutsch veröffentlicht wurde[s. Rezension von  Maria-Sibylla Lotter, Der gekränkte Mensch, März 2019] Er plädiert für eine Theorie der Identität um zu erklären "...why some people pursue money and security, while others choose to die for a cause or to give time and money to help other people." [Fukuyama, Identity, 2019, 13.]  Das Gefühl der Würdelosigkeit - "Resentment at indignities as a powerful for in democratic societies..." hat u.a die Black-Lives-Matter Bewegung entstehen lassen, nach eine Reihe von polizeilichen Übergriffen und - Morde in Ferguson (Missouri), New York  und anderen Städten, als ein Versuch die Welt draußen zu zwingen die Erfahrungen Afro-Amerikaner Aufmerksamkeit zu schenken. [Vgl. ebd. 8].

Freuen wir uns über die politisch engagierten jungen Menschen, die auf die Straße gehen und den Politikern weltweit ins Gewissen reden, mehr für den Umweltschutz und den Klimawandel zu tun. Wir sollten sie unterstützen und ermutigen, in Schule und Gesellschaft, auch wenn sie gegen Regeln und Gesetze verstoßen. Das haben die großen Vorbilder wie Jesus, Henry David Thoreau, Ghandi und Martin Luther King auch getan. Nicht alle werden mit machen, aber was soll's.

Info: Zum Thema Gewissensentscheid siehe auch: Tatort vom 14.11.2010

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